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PRESSE
25.05.2010 Interview mit Katja Ebstein
Club der guten Hoffnung - Prominente Unterstützer



Katja Ebstein
"Die Frage nach dem Sinn des Lebens verbindet alle Menschen." Im nachfolgenden Interview erzählt die prominente Künstlerin und Schirmherrin des Clubs Katja Ebstein, wie sie Gewalt in Südafrika und die Chancen und Risiken der Fußballweltmeisterschaft für die Menschen einschätzt. Welche Rolle für sie ganz persönlich Glaube und Ökumene spielt und wie wichtig es für junge Menschen ist, in Gedichten und Phantasie, Vorstellungskraft, Neugier und Kreativität auszuleben.

Frau Ebstein, Millionen von Menschen freuen sich auf die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. Wie kann so ein Großereignis dazu beitragen, dass die Menschen in Deutschland sensibilisiert werden für die Probleme am Kap?
Sport im Allgemeinen hat eine weltweite Anhängerschaft, auch wenn man jetzt an die Winterolympiade denkt. Aber Tennis und vor allem Fußball üben eine ganz besondere Faszination aus. Die jungen Leute finden dort ihre Idole. Fernsehen und Internet tun ein Übriges, um diese Ereignisse auf allen Kontinenten zu einem außergewöhnlichen Gemeinschaftserlebnis zu machen. Und doch: Durch das Leben und Werk meines Idols Nelson Mandela sind die Geschehnisse am Kap schon lange im Bewusstsein von uns Deutschen. Durch seine gelebte Menschenliebe wurde der Apartheid jeglicher Boden entzogen und sie buchstäblich ad absurdum geführt. Er ist für mich wie Ghandi einer dieser christus ähnlichen Menschen, die uns für unsere Kinder und Kindeskinder auf eine bessere Zukunft hoffen lassen. Außerdem verfolgen einen die Bilder der katastrophalen Verhältnisse, unter denen die Aids-Kranken in den Townships leben müssen, bis in den Schlaf. Unterdessen spielen viele afrikanische Fußballer in der Bundesliga, sind so zu Stars deutscher Jugendlicher geworden. Neben alldem gilt Südafrika als wunderschöner großer Garten, wo alles wächst und gedeiht.

Viele sehen in der ersten Fußball-WM auf afrikanischem Boden große wirtschaftliche Chancen für Südafrika, sogar für den gesamten Kontinent. Die WM hat aber auch Schattenseiten: So verschärft sich z.B. das Problem des Menschenhandels und der Zwangsprostitution im Land. Was erwarten Sie von einem deutschen Fan, der zur WM nach Südafrika reist?
Ich denke jeder gönnt Afrika, besonders in diesem Fall dem Süden, diese großen wirtschaftlichen Chancen, die aus der Fußballweltmeisterschaft erwachsen. Man kann nur beten, dass die Schattenseiten sich in Grenzen halten, und ich hoffe, dass vor allem auch die deutschen Fans sich als verantwortungsbewusste Menschen zeigen und sich über soziale und politische Lebensbedingungen informieren, bevor sie die Reise antreten. Der Bischof Desmond Tutu hat zu Recht darauf hingewiesen, dass wir Menschen alle auf die eine oder andere Weise Trost und Heilung brauchen. Im besonderen Maße gilt das für afrikanische Menschen, die durch Rassentrennung, Krieg, Gewalt, sexuellen Missbrauch, Aids und Armut traumatisiert sind. Ich wünsch´ mir sehr, dass die deutschen Fußballanhänger neben ihrer Freude an Spiel und Wettkampf über diesen Tellerrand hinausschauen und mit wachem Interesse wahrnehmen, was links und rechts von ihnen geschieht.

Frau Ebstein, was hat sie bewogen, Schirmherrin von Ayoba und damit Unterstützerin des „Clubs der guten Hoffnung“ zu werden?
Mein erster Impuls war, dieses Projekt muss erfolgreich sein. Da konnte ich einfach nur spontan zusagen.

Was erwarten Sie von diesem Projekt?
# Ich bin sehr beeindruckt, dass Straßenkinder unter professioneller Leitung in Form eines Theaterspiels, sie nennen es Iphupho Lami (Zulu: mein Traum) ihre durch Gewalt geprägten Erfahrungen auf Südafrikas Straßen zu verarbeiten suchen und ihrer Friedenssehnsucht dadurch kreativ Ausdruck geben wollen. Aus eigener Bühnenerfahrung weiß ich nur zu gut, wie viel Empathie und Disziplin damit verbunden ist, Projekte wie diese auf die Bühne zu stellen und wie viel Begeisterung dazu gehört, mit so schwierigen Themen das Publikum mitzureißen. Hoffentlich gelingt es ihnen, damit Tabus und Vorurteile aufzubrechen und konstruktive Diskussionen mit anschließenden Veränderungsprozessen anzustoßen. Die Gewaltbereitschaft in unserer heutigen Gesellschaft ist global, äußert sich aber in sehr unterschiedlichen Formen. Während wir hier bei uns schon von Wohlstandsverwahrlosung reden, neben der gesellschaftlichen Perspektivlosigkeit ständig wachsender Kinderarmut, entsteht die Gewalt in Südafrika aus fast ererbter jahrzehntelanger Traumatisierung und Hoffnungslosigkeit. Überall gibt es Leid und Elend, aber die Ausmaße in Afrika sind so ungeheuerlich, das sich jeder Vergleich von allein verbietet. Mit so einem mutigen Unterfangen ist es vielleicht möglich, Menschen anzuregen, einfach genauer hinzuschauen und auch couragierter zu handeln, wenn Gewalt und Unrecht in unmittelbarer Nähe geschehen.

Der „Club der guten Hoffnung“ ist ein katholisch-evangelisches Gemeinschaftsprojekt verschiedener Missionswerke. Warum treten Sie mit Ihrem guten Namen als prominente Künstlerin für so ein kirchliches Projekt ein?
In erster Linie trete ich als Mensch an und denke, dass es gut für unser gemeinsames Anliegen ist, dass “Ebstein“ sozusagen prominent ist. Und warum nicht Kirche? Ich bin evangelische Christin und für die Ökumene unterwegs und halte sehr viel von der Kirche von unten. Da gibt es weltweit ein Netz von hoch engagierten Menschen, die an der Basis arbeiten, ohne die die Kirche nicht überleben könnte. Ich kann mich da nur einreihen.

In einem Interview sagten Sie einmal, Sie müssten immer ein für Sie „wichtiges Thema am Wickel haben“. Wer dürfe schon als Mittler auf der Bühne mit Inhalten umgehen, die uns alle betreffen? Warum betrifft uns alle die Situation der Jugendlichen in Südafrika?
Wenn man um die Existenz dieser großen vernetzten Menschenfamilie weiß, denn keiner ist für sich allein lebensfähig, dann sind die Sorgen und Kümmernisse von jungen Menschen, wo auch immer auf der Welt, mehr oder weniger auch unsere eigenen. Die Frage nach Chancen und Zukunftsperspektiven stellt sich jungen Menschen in jedem Land, wenn sie an Morgen und Übermorgen denken; und das Suchen nach Liebe und Geborgenheit, auch wenn es da natürlich Unterschiede gibt zwischen einem hochindustrialisiertem Land Europas und einem Dorf auf dem afrikanischen Kontinent. Die unsichere Zukunft und die Frage nach dem Sinn des Lebens verbindet alle Menschen, ganz gleich welcher Hautfarbe, ob jung oder alt.

Südafrika gilt als Land mit einer der weltweit höchsten Kriminalitätsraten. Viele Fans und sogar Spieler fahren darum mit Ängsten in das Land am Kap, weil sie um ihre Sicherheit fürchten. Finden Sie diese Ängste berechtigt?
Ängste sind berechtigt, denn Angst ist ein natürliches Alarmsystem. Trotzdem gilt: sich nicht kleinkriegen zu lassen, von denen die glauben, sich ihren Platz in der Welt mit Gewalt sichern zu müssen. Und einfach gesagt: Seid wachsam! Hinter den nackten Zahlen der Gewaltstatistik verbergen sich viele junge Menschen auf der Straße. Gewalt spielt eine große Rolle in ihrem Leben. Wie sehen Sie diese Jugendlichen, die mit kaum vorstellbarer Brutalität andere Menschen verletzen oder sogar töten? Ich bin kein Priester, trotzdem sind auch diese Menschen Gotteskinder, und müssten von mir als meine Nächsten akzeptiert werden, wenn möglich sogar mit Zuneigung. Und doch weiß ich, welch mühsamer Weg nötig ist, Irregeleitete mit viel Verständnis in die Gesellschaft zurück zu holen.

Sie sagten in den oben erwähnten Interview auch „Liebe Deinen Feinde“ sei für sie ein Grund, Christin zu sein und der einzige Weg in eine friedlichere Zukunft. Wie würden Sie einem Südafrikaner diesen Satz verständlich machen, der soziale Ungerechtigkeit und Gewalt von klein auf am eigenen Leibe erfahren hat, jegliche Empathie für das Leben anderer verloren hat und nur noch Hass empfindet und aus diesem heraus handelt?
Jesus hat gesagt:“ Liebe deine Feinde.“ und das ist für mich ein ganz subjektiver Ansatz als Christ unterwegs zu sein, weil ich denke, dass dieser Weg am schwersten ist. Ich würde mir nie anmaßen, einem südafrikanischen Mitmenschen, der durch soziale Ungerechtigkeit und Gewalt einen irreparablen Milieuschaden hat, diesen Weg Club der guten Hoffnung - Prominente Unterstützer - Katja Ebstein Page 2 of 3 http://www.club-der-guten-hoffnung.de/de/der-club/prominente-unterstuetzer/katja-eb... 25.02.2010 predigen zu wollen. Ich glaube, da hilft viel eher die Sprache seiner Straße zu sprechen (damit meine ich wirklich das Gespräch suchen!) und mit noch zu trainierender Engelsgeduld an den verbliebenen Rest seiner positiven Emotionen zu appellieren, mit Achtung, aufrichtigem Respekt und mit Verständnis, so gut es mir möglich ist. Patentrezepte habe ich leider auch keine.

Als vielseitige Künstlerin unterstützen Sie die Mitmach-Aktion wobei Jugendliche Gedichte und Kurzgeschichten zum Thema „Hoffnung“ verfassen und einreichen. Sie sind Teil der Jury und bewerten diese. Warum ist es besonders wichtig, junge Menschen gezielt zu fördern und an Kreativität heranzuführen?
Phantasie, Vorstellungskraft und Neugier sind für Kinder Triebfedern ihrer geistig künstlerischen Entwicklung. Da steckt vieles von Forscherdrang und Entdeckenwollen drin. Jedes Kind kann auf seine Art kreativ sein, wenn es nicht ständig auf seine Defizite und Unvollkommenheiten hingewiesen wird. Die Theaterbühne ist ein wunderbarer Ort, selbstverfasste Gedichte vorzutragen, selbstgeschriebene Kurzgeschichten vorzulesen und Stücke zu spielen, auf diese Art und Weise spielerisch die „Dinge des Lebens“ zu lernen. Inhaltlich geht es hier um das Thema, das die Welt zusammenhält. Neben der Liebe geht´s um die berühmte Hoffnung, die zuletzt stirbt. Damit geben die jungen Schauspieler von Ayoba ein wichtiges einzigartiges Signal.

Viele der jungen Schauspielerinnen und Schauspieler von Ayoba kennen das Leben auf der Straße aus eigener Erfahrung. „Alles ist Theater und doch Wirklichkeit“ – singen Sie diese Zeile aus „Theater, Theater“, einem Ihrer bekanntesten Lieder, heute m mit einem anderen Bewusstsein?
Dieser Song hat einen einfachen Text, der für sich steht mit einer nur auf das Theater bezogenen Aussage. Mein politisches Bewusstsein ist entscheidend geprägt von der Friedensbewegung in Deutschland und von den 68igern und ich habe Lieder, die wesentlich mehr Aktualität zur heutigen Weltlage besitzen, wie etwa „Sag mir wo die Blumen sind.“ und andere. Ich wünsche den jungen Schauspielern von Ayoba von Herzen viele energiegeladene eindrucksvolle Theaterabende und ein großes begeistertes Publikum.



Katja Ebstein, Jahrgang 1945, steht seit über vier Jahrzehnten erfolgreich als Sängerin und Schauspielerin auf der Bühne und hat seitdem 30 Alben in den Bereichen Schlager, Popmusik, Chanson, Kabarett und Musical veröffentlicht. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen ist ihr unter anderem auch für ihr künstlerisches und soziales Engagement das Bundesverdienstkreuz verliehen worden. So holt sie seit 1992 Kinder aus sozial schwachen Familien auf die Nordseeinsel Amrum. Daraus entstand der Verein „Aktion Umwelt für Kinder“. Ziel des Vereins sind die Förderung der Gesundheit, verbesserte Zukunftschancen und Ausbildung für Kinder und Jugendliche. 2004 wird die „Katja-Ebstein-Stiftung“ als Vernetzungsstelle für viele Initiativen, die unter anderem gegen die wachsende Kinderarmut in Deutschland wehren, gegründet.

25.05.2010, Club der guten Hoffnung