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Alpenüberquerung


ZU FUSS ÜBER DIE ALPENBild "IMG_5969.jpg"

Die Stadtteilschule Winterhude in Hamburg geht im Rahmen ihres Reformkonzeptes neue Wege. So gibt es in den Klassenstufen 8 bis 10 als festen Bestandteil des Schuljahres eine 3 wöchige außerschulische Lernphase. Diese so genannten „Herausforderungen“ sind sehr vielseitig und es werden von den Lehrern diverse Angebote in den unterschiedlichsten Feldern gemacht, für die sich die Schüler bewerben können. Mit der Durchführung der Herausforderungen wird das Ziel verfolgt, dass die Schüler sich in einem für sie unbekannten Terrain bewähren. Die Eigenleistung der Schüler steht dabei im Vordergrund und die Lehrer sind ergänzend und beratend tätig. Sie bieten einen Rahmen an, in dem die Schüler viele Gestaltungsmöglichkeiten haben.

So gab es auch in diesem Jahr als Herausforderung das Angebot, zu Fuß die Alpen zu überqueren - eine bereits 2008 begangene, bewährte Route.
1.Tag, gleich gehts los.. (noch lachen alle)

Im Januar gab es ein erstes Treffen der Reisegruppe und Vorbereitungen Bild "IMG_5998.jpg"
wurden besprochen. Alle haben eine Übersicht über die zu begehende Tour bekommen. Die einzelnen Stationen waren durch Hütten in den Bergen und Einkaufsmöglichkeiten in den Tälern vorgegeben.
Die Schüler haben bei einem Eigenanteil von 300.-Euro, 150.-Euro von ihren Eltern bekommen. Das entspricht dem Verpflegungsgeld, das wegfällt, wenn die Kinder 3 Wochen nicht zu Hause sind. Der noch fehlende Teil wurde von den Schülern durch einfache Arbeiten erwirtschaftet - Nachhilfe, Zeitung austragen, Flohmärkte, Gartenarbeit und Kuchenstände waren  die häufigsten „Jobs“. Einige Schüler haben auch Spenden gesammelt.

Als weitere Vorbereitung mussten die Hütten bestellt werden. Dazu wurden Kontaktdaten im Internet gesucht und Buchungen vorgenommen. Alle sind Mitglieder im Deutschen Alpenverein geworden, um  so zu sehr günstigen Konditionen auf den Hütten übernachten zu können.
Erschöpft und froh auf einer der Hochebenen

In den Tälern galt es, kostenfreie Unterkünfte zu finden. Teilweise konnte auf alte Kontakte aus der letzten Tour zurückgegriffen werden, teilweise musste vor Ort recherchiert werden. Als wir losfuhren waren noch nicht alle Übernachtungen gesichert- die letzten haben die Schüler direkt vor Ort gefunden. Das war nicht immer einfach, so Bild "IMG_6008.jpg"mancher hatte Vorbehalte gegenüber einer großen Gruppe Jugendlicher. Der Weg zum Bürgermeister war oft eine gute Gelegenheit, an Schulen, Gemeindehäuser und andere öffentliche Einrichtungen zu gelangen. Diese haben dann häufig einen Raum zur Verfügung gestellt, oft auch Duschen, manchmal sogar ein Frühstück. So konnte letztlich für jede Nacht ein geeignetes Lager gefunden werden.

Das Gepäck betreffend gab es die Vorgabe, nicht mehr als 10Kg Privatgepäck und 5 Kg Proviant zu tragen. So mussten die privaten Sachen auf ein Minimum reduziert werden: 1 lange und 1 kurze Hose, 2 T-Shirts, 2 Paar Socken, 1 Pullover, 2 Unterhosen, 1 lange Unterhose, Regenkleidung, Mütze, Handschuhe, Sonnenbrille, Sonnenmilch, Schlafsack, Hüttenschlafsack, Isomatte, Essgeschirr und Kochutensilien,  waren die zentralen Dinge - es musste jeden Tag gewaschen werden..  : )
Von Wattens richtung Stein, war eine unserer Etappen

Die Verpflegung wurde in die Selbstverantwortung der Schüler gegeben. Es gab Kochgruppen, die sich eigenständig versorgt haben. Gelder zum Einkaufen wurden pro Tag und Person verteilt und die Kochgruppen haben für mehrere Tage Speisepläne erstellt, Rezepte ausgetauscht, selbständig eingekauft und die Last der Lebensmittel verteilt.

Die Schüler sind in Kleingruppen eigenständig gelaufen. Zu Beginn war eine Lehrkraft mit an der Spitze der Gruppe, eine am Schluss. Aufgrund des guten Wetters sind die Gruppen bald in ihrem eigenen Tempo gelaufen. An Weggabelungen wurde aufeinander gewartet und an Stellen mit schwierigem Gelände der Rat der Lehrer eingeholt.

Damit nicht immer dieselben langsameren nach hinten abfallen und die gesamte Gruppe bremsen, wurden die Laufgruppen so gemischt, dass starke und schwächere zusammen gegangen sind. So konnte überall gut unterstützt werden und die Gruppe konnte die vorgegebenen Zeiten zu den Zielen, die überallBild "IMG_5988.jpg"gut ausgeschildert waren, oft einhalten.
Ängstliche Schüler, die mit der Höhe zu tun hatten, wurden gut von der Dynamik der Gruppen gezogen und kamen ohne Probleme auch an steilen Abhängen und schmalen Graden entlang.

Glück hatten wir bei der gesamten Tour mit dem Wetter - in drei Wochen gab es nur zwei Tage Regen. Das war einmal wie duschen mit Kleidung, aufgrund der Sonne war aber  am Folgetag direkt wieder alles trocken. Der 2. Regentag begann erst, als wir unsere Tagesetappe bereits gegangen waren. Den Wetterbericht kennen und sich danach verhalten hilft!
Sonst sind wir bei warmen Temperaturen und Sonne gelaufen - ein Segen für die Gruppenmoral und die Verantwortung der Lehrer in punkto Trittsicherheit im Gelände. Bei Eis und Schnee gestaltet sich die Tour gewiss anstrengender und schwieriger.

Auch Schneefelder und steile Klettersteigpassagen wurden bewältigt

Unsere Route ging von Bad Tölz nach Bozen. Entlang des Achensees und auf Teilen des Berliner Höhenweges, ist dies eine der klassischen Routen, um von München nach Venedig zu gelangen. Insgesamt wurden ca. 250 km und 8500 Höhenmeter zu Fuß bewältigt. Den Alpenhauptkamm haben wir bei knapp 2900 Metern, mit Blick auf mehrere 3000er, überquert.

Alle Kriterien einer wirklichen Exkursion waren erfüllt:
mehrtägiges unterwegs sein mit Übernachtung, Bewältigung einer Strecke durch eigenes Tun, selbstverantwortliches Mitführen aller benötigten Materialien.Bild "IMG_5989.jpg"
Natürlich gab es auch Motivationslöcher, Krisen (Kurzatmigkeit und Erschöpfung) und kleine Missgeschicke (Sachen vergessen etc.). Doch die konnten dank der langen Zeit und dem guten Gruppenzusammenhalt überwunden und zum positiven gewendet werden.

Unterstützt haben wir Lehrer die Gruppe mit Magnesium und Traubenzucker, Wanderstöcken und Ratschlägen zur Etappeneinteilung, Packhilfe und Beratung bei der Wahl der Kleidung.

Insgesamt war die Tour ein voller Erfolg! Belohnt wurden alle durch ein großartiges Panorama, viel Stolz nach Bewältigung der gesamten Strecke, ein gutes Gruppengefühl und eine wertschätzendere Einstellung zu den Bequemlichkeiten, die sich in einem guten Zuhause bieten. Alle haben sich
in ihren Leistungen gesteigert und im Rahmen des Gesamtkonzeptes gut bewährt.
Rast auf dem Kamm, bei 2900m

Einige konnten ihre Rollen verändern und sind an schweren Aufgaben gewachsen. So haben sich z.B. unmotivierte „Langsamgeher“ im Laufe der Tour in verlässliche Laufgemeinschaften eingebracht.

Durchweg positiv waren die Rückmeldungen zu den Jugendlichen: umgänglich, freundlich und höflich. Alle hatten einen respektvollen Umgang mit anderen und einen ordentlichen Umgang mit fremdem Material – eine sehr wichtige  Voraussetzungen für solch eine Tour. Darüber hinaus haben die Schüler viel Anerkennung in Bezug auf die geleistete Strecke von Wanderern und Hüttenwirten bekommen.

Um die gemachten Erfahrungen zu sichern, gab es kleine Zwischengespräche und eine Abschlussauswertung. Darüber hinaus gibt es spätere Treffen zuhause,  Gespräche und Evaluationsbögen.

Die Gruppe setzte sich zusammen aus 17 Schülern und 2 Lehrern. Oft sind bei solchen Touren noch 1-2 Praktikanten dabei, um evtl. Pausen im Tal betreuen zu können.

Als Kartenmaterial sind die Karten von „Kompass“ gut geeignet.

Als laufende Dokumentation der Tour wurde eine Internetseite eingerichtet, auf der regelmäßig Tagesberichte der Schüler zu lesen und Bilder zu sehen waren. Bei Interesse kann diese Seite gefunden werden unter www.gswinterhude.de.

Abschließend einige Notizen aus den Schülerberichten:
- Nach dem 1.Aufstieg hatten einige Zweifel, ob sie den Anforderungen gewachsen sind.
- Es wurde viel Gepäck aussortiert und zurückgeschickt.
- Hohe Anforderungen wurden nach Bestehen als spannende Erlebnisse bewertet.
- Übernachten in der Gaststube auf der Hütte wegen voller Lager, kein Problem.
- Abwettern zwingt zum Karten spielen.
- Tolle Hüttenfamilie mit Eseln als Haustiere.

Nach einer langen Rückfahrt mit dem Wochenendticket (um die Kosten so gering wie möglich zu halten und mit unserem Gesamtbudget auszukommen) wurden wir von vielen aufgeregten Eltern mit Transparenten, Geschenken und vielen dankenden Worten empfangen.

Eine Familie hängte an ihr Geschenk eine Karte mit folgenden Grüssen:
„Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ (Stefan Zweig)


Welf Jagenlauf